"Das ist geschehen und gleichzeitig nicht geschehen, wie alles, warum handeln und nicht handeln, warum ja oder nein sagen, warum sich Mühe geben mit einem vielleicht oder womöglich, warum sprechen, warum schweigen, warum sich weigern, warum etwas wissen, wenn nichts von dem, was geschieht, geschieht, weil nichts ununterbrochen geschieht, nichts dauert oder beharrt unaufhörlich oder lässt sich unaufhörlich erinnern, was sich ergibt, ist identisch mit dem, was sich nicht ergibt, was wir ausschließen oder vorbeigehen lassen, identisch mit dem, was wir nehmen und ergreifen, was wir erfahren, identisch mit dem, was wir nicht ausprobieren, wir verwenden unsere ganze Intelligenz und unsere Sinne und unser Bestreben auf die Aufgabe zu unterscheiden, was gleich sein wird oder es schon ist, und deshalb sind wir reich an Reuegefühlen und verpassten Gelegenheiten, an Bestätigungen und Bekräftigungen und genutzten Gelegenheiten, wo doch so ist, dass nichts Bestand hat und alles verlorengeht. Oder es vielleicht nie etwas gab."
Zitat von Javier Marías.
Mittwoch, 25. August 2010
Geschehen und gleichzeitig nicht geschehen
Dienstag, 17. August 2010
Schwörter
Ich habe einige wichtige neue Wörter in der deutschen Sprache entdeckt:
Schab ist das am häufigsten benutzte, gefolgt von Schweiß (nicht zu verwechseln mit dem Körperschweiß), Schkann und Schbin, etwas weniger häufig, aber genauso spannend sind Schwerde, Schmöchte und Schtu.
Beispiel:
„Schab keine Ahnung, schweiß nicht.“
„Schwill keinen Kaffee, schbin schon spät dran.“![]()
In meiner Eigenschaft als na ja, nicht wirklich Sprachforscher oder so, sondern eher als aufmerksamer Beobachter von Straßensprech ist mir aufgefallen, dass die von mir so genannten Schwörter noch keinerlei Beachtung erfahren haben, obwohl sie jeden Tag im Mund der Bevölkerung geführt werden.
Schweiß, dass das jetzt nicht den Nobelpreis für Sprachforschung ergeben wird, schbin aber fest davon
überzeugt, dass die Schwörter irgendwann den Eingang in den Duden oder auf T-Shirts finden werden...
Schmöchte hoffen, dass Schwörter jetzt bewusster gebraucht werden. Das Foto ist übrigens von Marc Walthieu über flickr.com, der dort eine tolle Serie von kreativen Sprechblasen von Styven Magnes ausstellt.
Mittwoch, 11. August 2010
Die Psychologie des Glücks
Ich habe gerade in der Universitäts- und Landesbibliothek in Bonn die neueste Ausgabe von "The Psychology of Happiness" von Michael Argyle entdeckt. Wahrscheinlich sind die Ergebnisse der Glücksforschung durch Bücher wie "Hektors Reise zum Glück" weithin bekannt, ich möchte an dieser Stelle die Haupterkenntnisse aus dem Fazit zusammenfassen, weil ich sie so faszinierend finde:
- Geld macht nicht wirklich glücklich. Nur weniger als seine Vergleichspersonen zu verdienen drückt die Stimmung.
- Freizeit: am glücklichsten machen Sport bzw. Bewegung und Musik, aber natürlich ist jeder da ganz unterschiedlich.
- Arbeit ist ein wichtiger Faktor, wenn sie zufriedenstellend und erfüllend ist.
- Der wichtigste Einzelfaktor für Glück und Zufriedenheit sind soziale Beziehungen! Ein Abend mit Freunden, spazierengehen mit dem Partner, mit den Kindern Zeit verbringen. Argyle schreibt dazu: "Simply being with friends and those we love puts us in a good mood." (S.224) Und tatsächlich gilt dafür wie für die meisten Glücksspender: "the best things in life are free"!
Donnerstag, 15. Juli 2010
Afghanistans Schätze
Gold, soweit das Auge reicht. Das älteste römische Glas. Indische Wassergottheiten aus Elfenbein und Parfüm-Flakons in Fischform. Diese Schätze haben wie durch ein Wunder die zerstörerischen Bürgerkriegsjahre in Afghanistan überstanden und werden nun zum ersten Mal in Deuts
„Aphrodite von Baktrien“
Afghanistan, Tillya Tepe, Grab VI,
2. Viertel 1. Jh. n. Chr., Gold, Türkis
Afghanisches Nationalmuseum
Foto: Thierry Ollivier
© Musée Guimet/Réunion des musées
nationaux (RMN), Paris
Ich kann allen Lesern nur empfehlen, diese atmosphärische Ausstellung anzuschauen und dafür ein anderes, positives Bild von Afghanistan geschenkt zu bekommen: Die "geretteten Schätze" sind bis zum 3. Oktober zu sehen!
Montag, 28. Juni 2010
Wellen
Ich habe gerade zehn Tage auf Teneriffa verbracht und Surfen gelernt. Tatsächlich habe ich viel mehr gelernt als nur zu auf den Wellen zu reiten. Ich kenne keinen Sport, wo der Mensch so eng mit der Natur verbunden ist und so deutlich merkt, wie mächtig und schön sie ist: Du sitzt auf deinem Brett draußen im Meer und beobachtest die Wellen. Sie kommen in unregelmäßigen Stärken und du musst ganz genau darauf achten, wo sie brechen und wann. Es geht darum, den richtigen Zeitpunkt zu finden, denn die eine Wahrheit beim Surfen ist: du darst nicht bestimmen, du kannst die Welle nicht aufhalten, nicht herumdirigieren, du kannst nur den einen magischen Moment finden und für ein paar Sekunden die Energie der Meere für dich nutzen. Freiheit, Geschwindigkeit, Glück. Aber immer wieder zeigen dir die Wellen, wie kraftvoll und unberechenbar sie sind. Ist es im Leben nicht oft genau so? Es gibt gute Wellen und die sollte man nutzen! Buchempfehlung dazu: Atem von Tim Winton! Und für alle (Internet-)Surfer: Der Big Wave Award! (Foto von silverxraven, flickr.com)Donnerstag, 10. Juni 2010
Die zitternde Frau
Eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen ist Siri Hustvedt. Heute möchte ich Ihr neuestes Buch empfehlen, das zw
ar Themen Ihrer vier großartigen Romane aufgreift, im Prinzip aber autobiographisch ist. In "die zitternde Frau" beschreibt Hustvedt, wie sie während einer Rede anfängt, am ganzen Körper zu zittern. Sie redet zwar weiter, hat aber keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Das wiederholt sich in verschiedenen Vortragssituationen und ist der Ausgangspunkt für eine wissenschaftshistorische Reise durch die Psychotherapie und die Gehirnforschung. Die New Yorkerin schreibt unglaublich informativ und mit einem ganz klaren persönlichen Bezug: sie möchte verstehen, was mit ihr los ist. Ich habe sehr viel gelernt durch dieses Buch und gleichzeitig eine Reise mitgemacht in die "Geschichte meiner Nerven", so der Untertitel.
Hustvedt geht in diesem Buch viele spannende Themen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit unserem Geist durch: immer wieder kommt sie auf die Hysterie zu sprechen, die auch in ihrem Meisterwerk "Was ich liebte" eine wichtige Rolle spielt. Faszinierend sind auch ihre Beschreibung des "Automatischen Schreibens" und wie sie diese Methode bei Schreibworkshops in Psychatrien anwendet. Am Ende des Buches steht zwar keine Heilung, aber ich finde es bemerkenswert, wie mutig und offen sie mit ihrer eigenen Krankheit umgeht. Ein absoluter Lesetipp.
Freitag, 21. Mai 2010
Verhandeln...aber wie?

Im aktuellen Heft von managerSeminare habe ich eine Rezension über das Buch "Verhandeln für Unschuldslämmer" von Bob Etherington veröffentlicht. Mein Fazit lautet: "Insgesamt ist das Buch eine Aneinanderreihung von guten Tipps und netten Anekdoten, ohne dass bei mir ein großer Lerneffekt eingesetzt hätte." (S.82) Auch die anderen Testleser haben ihre Bücher über Verhandlungen eher kritisch begutachtet. Ich finde weiterhin, dass das "Harvard-Konzept" der Klassiker ist, mit dem sich jeder auseinandersetzen sollte: Das Werk von Roger Fisher und William Ury (im Original: "Getting to Yes") ist das Ergebnis einer großangelegten Studie über das Verhandeln. Auf den Bazaren der orientalischen Welt (Das Foto aus Marokko ist von Mait Jüriado, flickr.com) habe ich aber noch mehr gelernt. Wie immer: Übung macht den Meister. Wobei ich zuletzt im Februar in Istanbul meinen Meister gefunden habe, zumindest was das Feilschen angeht.
Dienstag, 16. März 2010
Coaching per Handy?
"ibreakout" heißt eine neue App, die vor kurzem erschienen ist. Sie soll als Entscheidungshilfe und mobiler Coach funktionieren...ist das die neue Konkurrenz zu unserer Arbeit? Ich glaube kaum, vielmehr finde ich solche kleinen Programme ziemlich interessant.
Die App fragt den
Benutzer nach dem Leidensdruck und der Wichtigkeit von Veränderung und hilft dem Besitzer so, einen klareren Überblick über die Situation zu bekommen. Am Ende gibt es sogar Ratschläge, die sich ganz streng aus den Antworten des Users ergeben: wer zum Beispiel Veränderung nicht als unbedingt notwendig erlebt und auch keinen hohen Leidensdruck hat, der bekommt den Ratschlag, sich mit der Situation zu arrangieren. Klingt banal, aber manchmal können ja solchen klaren Vorschläge helfen (manchmal auch, um dann das Gegenteil endlich tun zu können...). Mich würde interessieren, wie andere Menschen diese App nutzen und ob sie es als wirklich hilfreich empfinden. Für mich zeigt es auf jeden Fall, dass die Entwicklungen auf diesem Gebiet rasant sind und wir sie nicht ignorieren oder belächeln dürfen! (Foto von Stéfan, Flickr.com)
Freitag, 5. März 2010
Besser präsentieren mit Prezi
Ich halte nicht viel von Powerpoint. Im Prinzip taugt es nur, um den eigenen Vortrag durch Bilder und Schlüsselwörter zu ergänzen. Die lineare Struktur, die das Programm vorgibt, zwingt uns dazu, genauso linear zu denken und zu arbeiten. Dabei sind die Zusammenhänge und die Strukturen, über die wir reden, in der Regel komplexer. Eine neue Ebene für Präsentationen eröffnet seit kurzem Prez
i. Diese Software ist (mit einigen Einschränkungen) kostenlos online zu benutzen: Schauen Sie sich einfach das knapp dreiminütige Tutorial an und schon können Sie loslegen.
Das Besondere an Prezi ist gerade die Non-Linearität: Im Prinzip funktioniert es wie eine riesige Mindmap, wo Sie von Punkt zu Punkt frei springen können. Dadurch, dass diese Karte bzw. Leinwand unendlich groß ist, können selbst komplexe Themen dargestellt werden. Der Clou ist jedoch, dass die Unendlichkeit auch in die dritte Dimension, nämlich die Tiefe, geht. Sie können beliebig in die Leinwand zoomen und damit Unterthemen eröffnen. Ein sehr schönes Beispiel ist dieser Talk von James Geary auf der jährlichen TED-Konferenz über die Kraft von Metaphern. Probieren Sie es einfach mal aus und Sie werden merken, dass die Zeit von Powerpoint langsam abgelaufen ist!
Freitag, 5. Februar 2010
"Out of body"-Erfahrungen
Als Religionswissenschaftler habe ich in vielen Traditionen von ekstatischen Erfahrungen gelesen und gehört, in denen Menschen sich außerhalb ihres eigenen Körpers erleben. Dies wird in der Wissenschaft als "out of body experience" beschrieben. Mit großem Interesse habe ich Berichte über ein Forschungsprojekt gelesen, denen es mit Hilfe von virtuellem Erleben gelungen ist, solche Erfahrungen im Labor zu erzeugen und zu beschreiben.
Philosophen aus Mainz und Neurowissenschaftlern aus Lausanne (auch eine super spannende Kombination) und zeitgleich Psychologen aus London haben ihre Untersuchungen in Science publiziert (Ausgabe 317). Auch wenn die Versuche schwer zu verstehen sind, scheint es ungefähr so abzulaufen: Eine Versuchsperson bekommt ein Videobild vorgeführt, in dem sie ihren realen physischen Körper von außerhalb sehen. Sie schauen sozusagen aus der Perspektive eines Avatars auf sich selbst. Durch dieses Blicken fängt der Körper interessanterweise an, Berührungen zu spüren, die auf dem Video scheinbar dem Avatar geschehen! Dies ist, wenn auch noch sehr rudimentär, die Verlagerung des körperlichen Empfindes außerhalb des Körpers: "out of body"! Kurze Zusammenfassungen können in der Mainzer Pressemitteilung beim idw nachgelesen werden. Beiträge eines federführenden Forschers, des Philosophen Thomas Metzinger, finden Sie auf dieser Seite. Das ist zwar noch weit erfernt von den religiösen Erfahrungen, aber eine gute Beschreibungen von den Fähigkeiten (bzw. Beschränkungen?) unseres Gehirns. (Foto von dirtyfeet).
Donnerstag, 28. Januar 2010
Langfristige Coachingprozesse
Wir haben vor einigen Tagen einen anderthalbjährigen Coachingprozess abgeschlossen. Solc
h lange Zusammenarbeit gehört eher zur Ausnahme, arbeiten wir doch lösungsorientiert und damit eher in Paketen von drei bis zehn Sitzungen. Aber in diesem Fall steckte der Coachee in einer komplizierten Situationen auf der Arbeit, die er heute als Chance für persönliches Wachstum erkennt. Er hat gelernt, sich nicht nur über Leistung zu definieren und sieht sich selbst in einer ganz neuen Phase: so sprach er in unserer letzten Situng vom "alten Ich" am Anfang des Prozesses und dem "neuen Ich" heute.
Für uns war es ein spannendes Resumee. Wir haben ihn als Führungskraft durch viele Schwierigkeiten begleitet und sind uns sicher, dass er jetzt auch ohne regelmäßiges Coaching seinen Weg gehen wird. Je nach Thema und Komplexität reichen in den meisten Fällen einige Stunden aus, um an diesem Punkt zu stehen. Manchmal dauert es anderthalb Jahre. Ziel sollte es jedoch immer sein, den Coachee zu "enablen", also ihm die Fähigkeiten und Methoden auf den Weg zu geben, die er braucht.
Mittwoch, 20. Januar 2010
Schwarmintelligenz
In unseren Workshops nutzen wir oft die "Weisheit der Gruppe". Dieser Begriff kommt aus der Systemtheorie u
nd bedeutet im Prinzip, alle Teilnehmer einzubinden und ihr Wissen zu nutzen statt Frontalunterricht zu machen. In der populären Wissenschaft hat sich in den letzten Jahren ein ähnliches Konzept eingebürgert, die sogenannte "Schwarmintelligenz". Laut Wikipedia wird es so definiert: "Kommunikation und spezifische Handlungen von Individuen können intelligente Verhaltensweisen des betreffenden „Superorganismus”, d. h. der sozialen Gemeinschaft, hervorrufen." Ich habe dazu eine spannende Organisation gefunden, die sich dieses Phänomen als Geschäftsgrundlage zu Nutze gemacht hat: Swarmworks aus Troisdorf.
Sie nutzen kleine Reflektoren, mit denen alle Teilnehmer einer Großveranstaltung ausgestattet werden, um in Echtzeit Meinungen und Wünsche abzufragen, ein wenig wie früher der TED im Fernsehen, nur sehr viel beeindruckender. Schon die Home-Seite mit dem Fischschwarm und den zwei Haien ist richtig faszinierend; ich kann nur empfehlen, sich das Showreel anzuschauen, wo die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten vorgestellt werden. Besonders schön sehen die Spiele aus, wo ganze Gruppen gegeneinander Ping-Pong spielen! Ein Hoch auf die Schwarmintelligenz!


